Die Hochs und Tiefs der Berufsbildung

Monday 13.05.2019 Christian Walter
Christian Walter

Christian Walter ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter von swiss made software. Bis Ende 2010 arbeitete er als Fachjournalist für das ICT-Magazin Netzwoche, publizierte zuletzt aber auch im Swiss IT Magazin, der Computerworld sowie inside-it.

Das Thema Nachwuchs hängt aufs Engste mit dem Fachkräftemangel zusammen. Seit 2010 nimmt sich ICT-Berufsbildung Schweiz dieser Problematik an – keine einfache Aufgabe zwischen Outsourcing, Personenfreizügigkeit und Masseneinwanderungsinitiative.

ICT-Abschlüsse differenziert nach Bildungsniveau, 2001-2024

Börsencrashs sind komplexe Ereignisse, deren Auswirkungen weit jenseits verlorener Investorengelder liegen und Jahrzehnte andauern können. Die Schweizer Bildungslandschaft illustriert das eindrücklich. Mit dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 brach die hiesige Nachfrage nach Ausbildungsplätzen massiv ein und erst 2017 hatten die Zahlen weitgehend wieder das Niveau von vor 17 Jahren erreicht. Paradoxerweise nahm gleichzeitig die Nachfrage nach ArbeitnehmerInnen nie ab. Im Gegenteil: Heute arbeiten etwa doppelt so viele Menschen in der Schweizer ICT als 2006, nämlich 210'800. Während also der heimische Nachschub abnahm, stieg die Nachfrage. Zuwanderung war die logische Konsequenz und dank Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit 2002 auch weitgehend unproblematisch. Kein Wunder, dass der Anteil ausländischer ICT-ler heute bei 12,4 Prozent oder 26'200 Personen liegt. Zum Vergleich: Gesamtschweizerisch lag der Anteil 2015 noch bei 7,5 Prozent.

Das dies keine nachhaltige Perspektive ist, dürfte vielen spätestens mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) von 2014 klar geworden sein. Gedanken zum Thema machte man sich in der Branche aber schon vorher. Eine sichtbare Auswirkung dieser Überlegungen war die Gründung des Verbands ICT-Berufsbildung 2010. Auslöser war das Treffen der CIOs der 50 grössten IT-Einheiten in der Schweiz am damaligen ICT-Leadership-Forum. «Federführend waren unter anderem Karl Landert, Ex-CIO der Credit Suisse, Urs Schäppi, der heutige CEO von Swisscom, und Ständerat Ruedi Noser», so Jörg Aebischer, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. Mit Geldern der Swisscom und Credit Suisse wurden anschliessend die finanziellen Grundlagen gelegt, indem eine Stiftung ins Leben gerufen wurde, um den neuen Verband die ersten Jahre zu tragen.

Ausbildungsengagement = Kosten

Offiziell gegründet wurde der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz im Frühjahr 2010 vom Dachverband ICTswitzerland und den kantonalen und regionalen Organisationen der Arbeit (OdA). Ziel war, dem ICT-Fachkräftemangel in der Schweiz aktiv zu begegnen. Zwar wurde dieser Schritt in der Branche begrüsst, auf praktischer Seite war der Enthusiasmus aber begrenzt. «Ein Ausbildungsengagement ist immer mit Kosten verbunden. Und die Firmen konnten die Leute, die sie brauchten, zu guten Teilen auch importieren oder offshore gehen», so Aebischer.

Beim Rückgang der Auszubildendenzahlen kam wohl auch ein Doppeleffekt zum Tragen. «Die Unternehmen waren unsicher und fuhren zurück. Parallel sahen die Eltern die Rolle der ICT schwinden und rieten ihren Kindern von dieser Ausbildung ab», erklärt Aebischer.

Dass diese Situation so nicht von Dauer sein konnte, unterstrich der neue Verband 2011 mit der ersten Bildungsbedarfsprognose 2020. Die grossangelegte Studie zeigte den Fachkräftebedarf für die nächsten Jahre auf und konstatierte einen Zusatzbedarf von 72'500 Personen bis ins Jahr 2020.

«Die Studie konnte aufzeigen, dass einerseits zur Hälfte zusätzliche Fachkräfte benötigt werden und andererseits auch durch Pensionierungen ein Ersatzbedarf bestand. Der zusätzliche Bildungsbedarf, so hat sich gezeigt, ist riesig – die Strategie des Verbandes fokussierte folglich darauf, die Anzahl an Lehrstellen zu erhöhen und das Image der ICT zu verbessern», so Aebischer. Der Fokus wurde nun vor allem auf die beru iche Grundbildung gelegt. Der Mengenhebel war hier mit Abstand am grössten, während die Anzahl Hochschulabgänger auf verhältnismässig tiefem Level seit Langem relativ konstant blieb.

Dieses Bild zeigt sich bis heute. Von den 5356 ICT-Regelabschlüssen im Jahr 2015 (letzte Erhebung) waren 70 Prozent direkt auf die berufliche Bildung zurückzuführen (2671 berufliche Grundbildung, 1102 höhere Berufsbildung). Da rund die Hälfte der IT-Lernenden parallel zur Lehre noch die Berufsmatur abschliessen, diente die berufliche Grundbildung (wie auch die höhere Berufsbildung) als gewichtiger Zubringer für die 1173 ICT-Absolventen der Fachhochschulen.

«Eines unserer zentralen Anliegen ist es, den Unternehmen in der Schweiz die Notwendigkeit ihrer Eigenverantwortung vor Augen zu führen, dass primär sie selbst für ihren Nachwuchs sorgen müssen», betont Aebischer.

Ausbildung und technischer Wandel

Neben der reinen Quantität muss natürlich die Qualität stimmen. Dafür muss die Art der Ausbildung immer wieder an den technologischen Wandel angepasst werden. Deshalb verabschiedete ICTBerufsbildung Schweiz 2012 die total revidierte neue Bildungsverordnung für die Informatiklehre. So wurde die Ausbildung schweizweit vereinheitlicht und auf drei klar pro lierte Fachrichtungen ausgerichtet: Applikationsentwicklung, Systemtechnik und Betriebsinformatik. Ab August 2014 wurde die Informatiklehre auf Basis dieser neuen Grundlagen gestartet. 2018 werden rund 2200 Jugendliche mit einem Informatikabschluss nach der neuen Bildungsverordnung abschliessen.

Parallel zur Lehre wurden die Umsetzungsarbeiten für die vier neuen Fachausweisprüfungen (ICT-Applikationsentwickler /-in, ICT-Systemund Netzwerktechniker /-in, Wirtschaftsinformatiker/-in, Mediamatiker /-in) der höheren Berufsbildung durchgeführt, die per 1.1.2013 in Kraft traten.

2014 erfolgte der Aufbau des IT-basierten ICT Competence Framework, welches die Ausbildungsmodule und -anforderungen der Informatikausbildung abbildet. 2016 wurde das neue eidgenössische Diplom für ICT Security Experts erarbeitet – mit bundesrätlicher Unterstützung und starker Beteiligung der Wirtschaft.
Schliesslich wurden erstmalig die ICT Education & Training Awards vergeben. «Mit dem Award ehren wir Unternehmen und Lehrbetriebe, die sich überdurchschnittlich für die Berufsbildung einsetzen», so Aebischer. 2017 wurden diese nun schon zum dritten Mal durchgeführt. «Mittlerweile sind es mehr als 500 TeilnehmerInnen bei einer grossen Award-Feier im Stadttheater in Olten. Beim ersten Mal waren wir etwa 50 Leute an der Gewerbeschule in Bern und haben die Verleihung im Anschluss an einen Event durchgeführt», so Aebischer.

Mögliche Deckung des zusätzlichen Fachkräftemangels bis 2024 nach Berechnungen der IWSB

Jenseits der Kernbranche

Der Tatsache, dass es sich bei ICT-Berufsbildung nicht mehr länger nur um eine Frage der Kernbranche handelt, zollte der Verband 2017 Rechnung, indem er die Verbandsstrukturen anpasste, sodass die Mitgliedschaft auch für Nicht-ICT-Verbände möglich wurde. Mit dieser «Strategie 2022» will sich ICT-Berufsbildung Schweiz neu als branchenübergreifender und impulsgebender Verband für das Thema ICTKompetenzen in der Berufsbildung positionieren. «Strategisch ist das der wichtigste Meilenstein seit der Gründung. IT-Fachkräfte sind ja nur etwa zu einem Drittel in der Kernbranche tätig», so Aebischer. «Hier kommt uns unser modulares Bildungskonzept unter Einsatz des ICT Competence Frameworks zu Gute. Mit diesem können wir direkt Hilfestellung geben, wenn zum Beispiel die Lehre zum Polymechaniker neu ausgerichtet werden muss».

Bis 2022 sollen mindestens zehn Branchenverbände angeschlossen werden. Mit zurzeit acht ist man dafür auf gutem Weg. Ende 2018 wird ausserdem die Stiftung, welche die Startphase unterstützt hat, liquidiert, denn der Verband ist mittlerweile selbsttragend. «Das war auch so gewollt», ergänzt Aebischer, der Mitte 2018 sein Amt niederlegen wird, um als Unternehmer tätig zu werden. Ob die vom Verband angestrebte Sensibilisierung der Unternehmen erreicht werden kann, wird sich zeigen. Gemäss der letzten Studie «Bildungsprognose 2024» ist zwar der prognostizierte Bedarf an ICT-Fachkräften von 87'000 auf 74'700 gesunken. Aber auch diese Zahl lässt sich ohne weitere Massnahmen kaum erreichen. Denn selbst bei einer strengen Umsetzung der MEI wird angenommen, dass etwa 28 Prozent des Bedarfs (20'000 Personen) durch Zuwanderung gedeckt werden können. Beim Rest können ohne weitere Massnahmen etwa 40 Prozent, also 29'000, durch neue Arbeitsmarkteintritte gedeckt werden. Als Residuum bleibt damit ein zusätzlicher Bedarf an etwa 25'000 Auszubildenden.

Nicht formal erworbene Kompetenzen

Somit wird ICT-Berufsbildung Schweiz die Arbeit auch in Zukunft nicht ausgehen. Die Kernaufgabe, weiterhin zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, bleibt bestehen – insbesondere für marktgerechte und qualitativ hochwertige Abschlüsse in der höheren Berufsbildung. Hier wird es immer stärker darum gehen, nicht formal erworbene Kompetenzen mit einem formalen Berufsabschluss für den Arbeitsmarkt verständlich und transparent zu zerti zieren. Die eidgenössischen Prüfungen von ICT-Berufsbildung Schweiz sollen schwergewichtig darauf ausgerichtet werden.

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