Innovation bei staatsnahen Unternehmen

Monday 14.09.2015 Christian Walter
Christian Walter

Christian Walter ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter von swiss made software. Bis Ende 2010 arbeitete er als Fachjournalist für das ICT-Magazin Netzwoche, publizierte zuletzt aber auch im Swiss IT Magazin, der Computerworld sowie inside-it.

Innovation beim Staat oder im staatsnahen Umfeld ist ein heisses Thema – nicht zuletzt wegen der gängigen neoliberalen Ansicht, dass Innovation nur etwas für Privatunternehmer ist. Dabei tut sich hier einiges in der Schweiz.

Beispiele wie die Mobile-App der SBB, Swisscoms erste Flatrate-Angebote oder YellowTube zeigen, dass staatsnahe Betriebe durchaus innovativ sein können.

Da der Staat ja Innovation nicht kann und auch nicht soll, muss es in staatsnahen Betrieben sehr düster aussehen. Von denen hat die Schweiz viele – SBB, Swisscom, Post und Postfinance, SRG sowie etwas kleinere wie Abraxas, VRSG oder Bedag. Alles Nieten? Wohl kaum, denn auch wenn in der Schweiz gern über die Rolle der Monopolisten und Exmonopolisten schwadroniert wird und diese selbst nur ungern als «staatsnahe» Betriebe bezeichnet werden, tut sich dort einiges. Dies vielleicht auch schon deswegen, da man gar nicht um sie herumkommt. Gerade in Bereichen wichtiger Infrastruktur im IT- und Informationsumfeld führt vielerorts kein Weg an ihnen vorbei. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat swiss made software einige der interessantesten Projekte und Produkte der letzten Jahre recherchiert. Dabei ist der Begriff Innovation bewusst sehr weit gefasst – ganz in Übereinstimmung mit dem Stand der Forschung.  

Was ist Innovation?

Demnach kann Innovation sein: Die Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung im Produktionsprozess, wie Joseph Schumpeter 1911 meinte, als er den Begriff der schöpferischen Zerstörung prägte. Nach Jürgen Hauschildt beinhaltet sie neue Produkte, Märkte, Verfahren, Vorgehensweisen, Prozesse, Vertriebswege, Werbeaussagen und vieles mehr. Im IT-Umfeld wird auch gern Clayton Christensen mit seinen Ideen der disruptiven Innovation zitiert. Man sieht, das Feld ist weit, oder um Wikipedia zu zitieren: «Die Zahl der Definitionen des Begriffs Innovation scheint seit dessen Erfindung noch rasanter gewachsen zu sein als die Zahl der Innovationsforscher.» Insofern in medias res: Die folgenden Produkte und Dienstleistungen sind teilweise seit einigen Jahren auf dem Markt und zeigen so eine nachvollziehbare Erfolgsbilanz, oder es sind neue Ideen, die sich noch beweisen müssen.

Zu den bekanntesten Erfolgsgeschichten gehört sicher die Mobile App der SBB. Besonders in einem Land wie der Schweiz, wo der öffentliche Verkehr sozusagen schon Teil von Kultur und Way of Life ist, sind die Auswirkungen dieses kleinen Stücks Technik auf das Leben von Millionen Menschen nicht zu unterschätzen. Eingeführt 2009 verzeichnet sie heute über fünf Millionen Downloads und ist damit eine der beliebtesten Apps der Schweiz. Zu den weiteren Features gehören Sparbilletts, Bahnhofsinfos sowie das Fundbüro. Letzteres ist ebenfalls eine Erfolgsgeschichte, die gern übersehen wird. Unter dem Namen «Fundservice Schweiz» betreibt die SBB ihr elektronisches Fundbüro für zahlreiche Kantone und Gemeinden sowie 13 weitere Transportunternehmen. Die Abdeckung erstreckt sich damit auf 2,9 Millionen Einwohner.

Apps und vieles mehr

Doch bleiben wir vorerst bei den Apps: Im B2B-Umfeld bietet Abraxas mit Trust-Drive eine Dropbox-Alternative, ausgerichtet an den Bedürfnissen der Schweizer Behörden. Ausserdem gibt es eine Lösung für die Strassenverkehrsämter, mit deren Hilfe Fahrzeugkontrollen jetzt via iPad erfolgen. Mehr auf Konsumentenseite ist Swisscoms iO – eine Gratis-App für Telefonie und Nachrichten via Internet unabhängig vom eigenen Handyvertrag. Diese funktioniert nicht nur in der Schweiz – so lassen sich damit hierzulande wie auch im Ausland via WLAN kostenlose Anrufe tätigen. Zwar sind Parallelen zu Produkten wie Skype oder WhatsApp nicht zu leugnen, iO setzt aber stark auf Datensicherheit sowie den Schutz der Privatsphäre. Gemäss Swisscom werden sämtliche Daten auf Schweizer Servern gespeichert und alle Nachrichten verschlüsselt. Ein bemerkenswerter Wandel, bedenkt man, dass die meisten Telcos noch vor wenigen Jahren versuchten, die Installation von Skype auf Smartphones zu verbieten. Swisscom sieht sich hier als Vorreiter, denn sie kannibalisiert so ihre eigenen Angebote – Roaminggewinne ade. Für Sprecher Sepp Huber geht Swisscom damit konsequent den Weg weiter, den man 2012 mit der Einführung der Natel-infinity-Flatrates begonnen hat. «Damit gehörten wir in Europa zu den Vorreitern und mussten zunächst Umsatzverluste hinnehmen. Zumindest, bis auch die Wenigtelefonierer nachgezogen hatten.»

Ob Swisscom TV 2.0 direkt zu den Innovationen zählt, wird heiss diskutiert. Aussen vor bleibt dabei häufig der Umstand, dass alle Daten und Aufzeichnungen nicht mehr daheim vor Ort gespeichert werden, sondern in der Cloud. So sind sie von überall abrufbar. Swisscom setzt damit auf interne Innovationen im Bereich Outsourcing und Infrastruktur, die bisher hauptsächlich Businesskunden zur Verfügung standen. Mit mehr unternehmensorientierten Cloud-Lösungen will Swisscom nun weitere Kunden in den Branchen Banking und Energie gewinnen.

Etwas Ähnliches versucht die Schweizer Post: Mit YellowTube positioniert sie sich als Privat-Amazon für den Distanzhandel. Von der Lagerung über die Kommissionierung bis zur Verpackung, dem raschen Versand und dem Retourenmanagement kann ein Versandhandel den kompletten Dienstleistungsumfang einkaufen. Unter dem Namen vivates bietet die Post ausserdem ein elektronisches Patientendossier, das in Zusammenarbeit mit dem Kanton Genf entwickelt wurde. Eigenen Aussagen zufolge ist es das schweizweit erste mit der Strategie eHealth Schweiz konforme elektronische Patientendossier.  

Wer vertraut wem?

Zentral ist natürlich das Thema Vertrauen und die Frage, inwieweit man in der Schweiz um die genannten staatsnahen Unternehmen überhaupt herumkommt. Allein die schiere Anzahl weiterer Projekte, die sich um die Themen Gesund-heit, Identität und Zahlungen bewegen, belegt dies. Zahlungen sind ein gutes Beispiel hierfür: So positioniert sich Postfinance mit ihrer Tochter Twint im Bereich Mobile Payments. Im Unterschied zu bisher bekannten Wallet-Lösungen benötigt diese keine Kredit- oder Debitkarten und funktioniert unabhängig von Telekomanbietern. Damit steht die SBB klar in Konkurrenz zu Swisscoms eigener WalletLösung Tapit. Tapit funktioniert bislang jedoch nur mit ausgewählten Kredit- und Prepaidkarten von Cornèrcard und Viseca. Wer das Rennen machen wird, ist unklar, denn die Spielwiese ist gross: Neben den Schweizer Unternehmen agieren hier internationale Grössen wie Apple, Google oder eBay. Der Markterfolg ist dabei oft weniger eine Frage der Qualität der Erfindung, sondern der Wellen, welche diese in der Gesellschaft schlägt. Den Innovationscharakter erhält sie also nur, wenn sie ihre eigenen Geltungsvoraussetzungen mitproduziert. Sie muss in einem sozialen Interaktions- und Sinnstiftungsprozess Anerkennung finden. Mit anderen Worten: Erst ihre dauerhafte Verwendung in einem gesellschaftlichen Kontext ist ausschlaggebend. Es bleibt also spannend.  

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