Interview Beat Bussmann: "Der Teufel lag dann aber im Detail"

Monday 05.08.2013 Christian Walter
Christian Walter

Christian Walter ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter von swiss made software. Bis Ende 2010 arbeitete er als Fachjournalist für das ICT-Magazin Netzwoche, publizierte zuletzt aber auch im Swiss IT Magazin, der Computerworld sowie inside-it.

Vor 25 Jahren gründete Beat Bussmann Opacc und lancierte die Vorboten der Business-Softwarefamilie OpaccOne. Diese umfasst heute Anwendungen für die klassische Geschäftsabwicklung (ERP), den E-Commerce und den Mobile Commerce.

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Beat Bussmann

Beat  Bussmann,  53,  ist  verheiratet und Vater zweier Kinder im Alter 
von 11 und 14 Jahren. Nach dem Abschluss der damaligen HWV (Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule) arbeitete er bei Coopers & Lybrand (heute PWC). Nach 2 Jahren gründete er zusammen mit einem Partner die Computer + Partner AG in Hochdorf. Diese wurde 1986 von der Also übernommen. 1988 gründete er die Opacc Software AG. Dort ist er seither als CEO tätig. Das Unternehmen, das 112 Mitarbeitende beschäftigt, entwickelt und  implementiert  die  BusinessSoftwarefamilie OpaccOne.

Christian Walter: Herr Bussmann, Opacc wird 25. Herzlichen Glückwunsch. Haben Sie schon die nächsten 25 Jahre durchgeplant?

Beat Bussmann: Ich halte zwar viel von langfristiger Planung, soweit geht es aber leider nicht, gerade in der IT. Das ist aber auch ganz gut so. Wenn ich an einzelne Pläne denke, die wir in den letzten 25 Jahren hatten und die am Ende nicht ganz funktioniert haben, bewahre ich mir da lieber die geistige Flexibilität.

Plaudern Sie doch aus dem Nähkästchen.

Nun, unsere Grundidee war richtig, der Teufel lag dann aber im Detail. Wir wollten eine Software schaffen, welche die Geschäftsabwicklung, beziehungsweise die Auftragsentwicklung unterstützt – und zwar mit dem gleichen Source Code für jeden Kunden. Das klingt heute unglaublich banal, war damals aber ein Riesenschritt. Das haben wir dann an der Umsetzung gemerkt. Zum Glück waren wir damals jung, mit mehr Enthusiasmus als Erfahrung und Sachverstand, sonst hätten wir uns an so ein Projekt nicht herangewagt.

Und heute?

Heute stehen wir vor der grössten technischen Änderung in unserer Geschichte. Im Januar werden wir die Datenhaltung auf SQL-Basis umstellen. Damit wird ein 7x24-Betrieb möglich und die Limiten für Transaktionen und Datenvolumen steigen. Auf dieser Basis veröffentlichen wir dann anschliessend unsere ECRM-Anwendung.

Würde ein User der ersten Stunde die neuen OpaccOne-Systeme überhaupt bedienen können?

Er hätte wohl einige Probleme. Seit 1988 gab es eine Inflation an Anforderungen, mit denen die Anwendungen gewachsen sind. Aber ich glaube, umgekehrt wäre es schwieriger. Viele der Features, die wir heute für selbstverständlich nehmen, waren vor 25 Jahren noch nicht einmal angedacht. Ich denke da an die durchgängige Internetfähigkeit, welche heute für viele Kunden nicht mehr wegzudenken ist.

Was sind die wesentlichen Milestones der Opacc-Story?

Mit Programmieren fingen wir 1988 an. Die erste Version mit dem Namen insyde war 1990 bereit, ein Jahr später als geplant. 2001 führten wir dann OpaccOne auf Java-Basis ein und stellten die Architektur auf SOA (serviceorientierte Architektur) um. Das war die Grundlage für die technische Entwicklung der nächsten zehn Jahre. 2011 kam dann Gottardo. Damit haben wir das Produkt wieder kräftig umgekrempelt. Ziel von Gottardo war und ist die Ermöglichung der Kollaboration zwischen Mitarbeitenden, Unternehmen und Systemen. Für den Anwender brachte es bisher drei wichtige Neuerungen: Mit MobileOffice können sich externe Mitarbeiten - de jetzt direkt mit dem ERP verbinden. Dazu kommen die bereits erwähnte die SQL-Datenbank sowie das Enterprise CRM.

Was waren die stärksten Veränderungen in dieser Zeit?

Zwei Dinge fallen mir ein: Einerseits das Verschwinden zahlreicher ERP-Hersteller. Das sind gefühlte 90 Prozent. Wenn ich zurückschaue, bin ich teilweise sehr überrascht, wer alles auf der Strecke geblieben ist. Andererseits die steigende Komplexität. Zu Beginn der 90er brauchten wir etwa fünf bis sechs Tage für die Einführung einer neuen Software. Damals standen wir bei unseren Kunden im allgemeinen auf der grünen Wiese. Bereits die elektronische Erstellung von Rechnungen war für den Kunden ein Schritt nach vorne. Heute gibt es nicht nur Kernsysteme, sondern ganze Insellandschaften, die auf einen Stichtag abzulösen und zu integrieren sind. Und da reden wir noch gar nicht über den Betrieb solch komplexer Systeme. Es ist im Kern eine neue Disziplin geworden.

Wie drücken sich diese Veränderungen in Zahlen aus?

Zu Beginn waren wir fünf Mitarbeiter, mittlerweile sind es 110. Aus wenigen Kunden sind einige hundert geworden. Ausserdem hat sich die Anzahl der Code-Zeilen mehr als verhundertfacht.

Die Komplexität macht das Geschäft aber nicht einfacher, oder?

Nein, aber das ist nicht nur negativ. Mit den Anforderungen haben auch die Chancen zugenommen. Der schnelle technische Wandel zwingt die Unternehmen, am Puls der Zeit zu bleiben. Konkret ist das die bekannte Aussage vom Kostendruck und der Forderung nach Effizienzsteigerungen. Leider verpassen viele Unternehmen diese Chancen, wie ich glaube. In diese Lücke stossen wir mit spannenden Angeboten und helfen den Unternehmen, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen.

Also Standardisierung und Automatisierung – mit anderen Worten Commodities. Und das im Hochpreisland Schweiz. Ist das nicht ein Problem für Opacc?

Es ist zwar richtig, dass wir unsere Löhne nur mit Topprodukten rechtfertigen können. ERP, oder wie ich lieber sage Enterprise Software, ist aber keine Commodity – gerade in der Schweiz. Die Unternehmen verlangen mehr, dafür zahlen sie auch. Die Schweiz ist nicht nur ein Hochpreisland, sondern auch Hochanforderungsland. Wenn dem nicht so wäre, hätte uns die ausländische Konkurrenz schon gefressen. Wie bereits gesagt, wir helfen unseren Kunden bei den technischen Herausforderungen unserer Zeit. Damit sprengen wir auch die klassischen Grenzen von ERP – also weg von der ausschliesslichen Bewirtschaftung von Wert- und Warenfluss, hin zum gezielten Management des Informationsflusses.

Was meinen Sie damit?

Neben den «harten» Prozessen geht es zusätzlich auch darum, die «weichen» Prozesse wie Informationsbeschaffung und -verteilung oder die Kundeninteraktion zu unterstützen. Im kommenden Jahr gehen wir mit unserem EnterpriseCRM an den Start. Aufgrund unserer serviceorientierten Architektur können wir dabei auf das gleiche umfassende Daten- und Prozessmodell zurückgreifen, welches auch das ERP verwendet.

Wie passen Gimmicks wie das iPad in dieses Bild?

In meinen Augen ist das weder Gimmick noch Hype. Das Gerät hat die Freude am Computer zurückgebracht. Der Einsatz ist natürlich eine Frage der Anwendung. Aber gerade dort, wo es hauptsächlich um das Bearbeiten und Abrufen von Informationen geht, handelt es sich um eine Revolution. Mitarbeitende im Aussendienst oder C-Level-Manager, die Daten aus dem ERP brauchen, sind die ideale Ansprechgruppe. Unsere neuen Anwendungen sind für den Einsatz auf Tablet-Geräten optimiert. Dateneingabe bei komplexen Aufgaben ist etwas anderes, und hier stehen iPad & Co. nicht im Vordergrund.

Zurzeit gib es Opacc nur in der Schweiz. Wollen Sie mit diesem Qualitätsprodukt nicht ins Ausland?

Gegenwärtig nicht. Im 25-Jahresplan müsste man sich die Frage
wohl stellen. Aber das ist nicht zentral. Zentral ist, dass wir unsere
Denkweise langfristig ausrichten und unseren Kunden ein starker Partner sind. Dabei steht für mich die Qualität des Produkts im Vordergrund. Ich weiss, da spricht wieder der Ingenieur. Aber ich finde das gut. Deshalb bin ich auch froh, dass wir nicht dem Diktat der Börse unterliegen. Bei Opacc stehen Umsatz- und Gewinnmaximierung nicht zuoberst.

Das ist ja jetzt sehr schweizerisch.

Richtig. Da stehe ich auch dahinter. Unsere Software ist vollständig Swiss made. Jedes Bit. Ich bin stolz darauf, dass das möglich ist. Mir ist aber auch klar, dass es verschiedene Wege gibt, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Man darf da keine Scheuklappen haben und soll gut hinschauen, wie andere die Probleme lösen. In Sachen Marketing kann man sich schon das Eine oder Andere von den Amerikanern abgucken. Aber wir sind immer noch eine junge Industrie. Veränderung ist bei uns zentral. Und wir sind bereit, diese Herausforderung auch in den kommenden 25 Jahren anzunehmen.