Interview Reto Gutmann: «Wir wollen die Digitalisierung mitprägen»

Donnerstag 21.06.2018 Christian Walter
Christian Walter

Christian Walter ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter von swiss made software. Bis Ende 2010 arbeitete er als Fachjournalist für das ICT-Magazin Netzwoche, publizierte zuletzt aber auch im Swiss IT Magazin, der Computerworld sowie inside-it.

Mit der Fusion von Abraxas und VRSG entsteht der grösste Schweizer Spezialist für die öffentliche Hand. CEO Reto Gutmann sprach mit uns über die neue Strategie.

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Reto  Gutmann Reto Gutmann

Reto Gutmann ist seit dem 1. Mai 2016 als CEO für die Abraxas Informatik AG tätig. Er wechselte von der Leitung der ETH Informatik in die Geschäftsleitung der Abraxas. Seit September 2013 amtet er ausserdem als Vizepräsident des Verwaltungsrats des St. Galler Unternehmens. Vor seiner Tätigkeit als Direktor Informatikdienste für die ETH Zürich verantwortete er als CEO die Geschäfte von Siemens IT Solutions and Services AG in der Schweiz. Reto Gutmann studierte an der ETH Zürich Elektrotechnik mit der Fachrichtung Nachrichtentechnik und schloss 1993 als Dipl. El.­Ing. ETH ab. Reto Gutmann ist 1968 geboren, verheiratet und Vater dreier Kinder.

Christian Walter: Herr Gutmann, mit über 800 Mitarbeitenden ist die neue Abraxas wohl der grösste Schweizer Player im Umfeld der öffentlichen Hand. Können Sie es sich jetzt bequem machen?

Reto Gutmann: Natürlich nicht. Dafür sind die Herausforderungen der Digitalisierung zu vielfältig. Ausserdem wollen wir nicht einfach nur eines der grossen Unternehmen im Bereich der öffentlichen Hand sein – wir wollen die Digitalisierung in diesem Umfeld mitprägen. Dafür braucht man aber nicht nur eine gewisse Grösse, sondern auch eine Breite des Angebots sowie der abrufbaren Ressourcen.

Meinen Sie aus finanzieller Sicht?

Nein, auch wenn das zweifellos wichtig ist. Mir geht es um Angebot, Wahrnehmung und Know-how. Unsere Kompetenzen reichen jetzt vom Bürger über die Gemeinde bis zu Kanton und Bund. Wir decken also das ganze Stakeholder-Spektrum im Bereich der öffentlichen Hand ab – sowohl auf Lösungsebene als auch in der Übersicht über Probleme und Herausforderungen. Gleichzeitig haben wir das Know-how, mit diesen umzugehen und die Erkenntnisse von einem Bereich in den anderen zu tragen.

Erst 2016 hat Abraxas die Epsilon Software Assistance SA und die Infover AG gekauft. Jetzt kommt die Fusion mit VRSG dazu. Besteht hier nicht die Gefahr des Wildwuchses?

Hinter den Lösungen stehen ja unterschiedliche Philosophien. Unsere Strategie war klar auf anorganisches Wachstum ausgelegt. Nur so konnten wir die kritische Masse erreichen, um die Digitalisierung mitprägen zu können. Wir müssen jetzt konsolidieren, wo es Sinn macht. Das ist eine Herausforderung – aber eine gute.

Wieso?


Die Firmen, die wir gekauft haben, bieten in ihren Feldern ausgezeichnete Lösungen. Wir können viel voneinander lernen. Und das wird jetzt nötig sein, denn unsere Lösungspakete müssen zukünftig füreinander offen sein und zwar so, dass es für den Kunden keinen grossen Aufwand bedeutet. Wir wollen also die ganze Breite der Kompetenzen verbinden und die horizontale Integration fördern.

Können Sie das erläutern?


Aktuell sehen wir, dass sich die Fachsilos öffnen und für jegliche Applikationen zur Verfügung stehen. Die Daten stehen also den jeweiligen Behörden zur Verfügung, auch wenn diese sie nicht ursprünglich angelegt haben. Auf diese Weise eliminieren wir auch. Juris ist dafür ein gutes Beispiel: Was als Lösung für Gerichte angefangen hat, ist jetzt auch bei Gefängnissen im Einsatz und seit Kurzem bei der Polizei. Im Kanton Basel-Stadt sind die Kripo und die Staatsanwaltschaft unter einem Dach und setzen jetzt beide Juris ein. Jede dieser Behörden ist für einen anderen Teil des Justizprozesses verantwortlich; da gibt es andere Bedürfnisse und Perspektiven. Wir geben den Behörden jetzt rollenspezifische Brillen, die ihnen die für sie wichtigen Informationen anzeigen.

Entspricht das dem Trend in den Verwaltungen?

Der Trend ist die Digitalisierung: die Öffnung der reinen Fachlösungen auf der einen Seite und die Verlängerung der Prozesse auf der anderen. Letzteres heisst die Anbindung jeglicher umliegender Prozesse, innerhalb und ausserhalb der Behörden. Zum Beispiel beim Bürger: Wir haben hier zwei interessante Fallbeispiele mit der neuen Bussen-App (Seite 36) in Basel-Stadt oder auch Tell Tax im Kanton Wallis. Tell Tax ist beim Steuerzahler auf dem Smartphone. Unter dem Jahr scannt er auftauchende Belege ein, ordnet sie zu und anschliessend werden sie automatisch in die Steuererklärung übertragen.

Gerade mit der VRSG haben Sie sich aber nicht nur Lösungen und Know-how beschafft. Sie erben auch die Altlast eines Unternehmens, das zuletzt wirtschaftlich nicht gerade geglänzt hat und ausserdem in einen medienwirksamen Rechtsstreit mit der Abacus Research AG verwickelt ist.

Vorneweg: Der Rechtsstreit betrifft gewisse Gemeinden und nicht die VRSG selber. Indirekt ist sie natürlich auch betroffen. Ausserdem waren wir uns der Lage der VRSG voll bewusst; die Fusionsgespräche liefen ja schon länger. Ich kann Ihnen versichern, dass sich das Unternehmen nicht in unsere Arme geflüchtet und die VRSG in den letzten Jahren ein gutes Wachstum gehabt hat. Der Umsatz stieg von 52 Millionen im 2012 auf 66 Millionen im 2016. Dieses Wachstum wurde unter anderem durch starke Investitionen gefördert. Das geht zunächst auf Kosten der Substanz. Dass die VRSG auf gutem Weg ist, zeigen übrigens auch die jüngsten Erfolge: Mit Pfäffikon und Wetzikon hat das Unternehmen gerade erst zwei wichtige Zürcher Gemeinden gewinnen können.

Wann haben die Gespräche für die Fusion begonnen?

Erste Sondierungen gab es schon 2014. Damit sind diese Überlegungen also auch älter als die von Ihnen erwähnten Probleme. Richtig konkret wurde es dann Anfang 2017.

Bleibt der Rechtsstreit mit der Abacus Research AG. Dem Vorwurf der bevorzugten Behandlung gerade im Kanton St. Gallen werden Sie mit der neuen Struktur kaum den Wind aus den Segeln nehmen.

Das Verfahren will ich zurzeit nicht kommentieren – es gilt, die Entscheidung des Gerichts abzuwarten. Ich möchte aber klar darauf hinweisen, dass in der Eigentümerstrategie sowohl der neuen als auch der alten Abraxas festgelegt ist, dass die Eigentümerkantone und -gemeinden uns nicht bevorzugt behandeln dürfen. Wir sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das unabhängig von der Besitzerstruktur am Markt bestehen muss. Ausserdem muss man auch bedenken, dass die teilweise vorhandenen regionalen Stärken historisch zu sehen sind.

Was meinen Sie damit?

Die VRSG ist in St. Gallen stark, weil das ihr Heimatkanton ist und das Unternehmen dort schon sehr lange tätig ist – im Nachhinein muss man sagen, sogar vorausschauend. Der Kanton hat das Unternehmen bereits vor 40 Jahren gegründet, als viele der heutigen Entwicklungen noch gar nicht abzusehen waren. Von solch einer Historie kommt man nicht so einfach los. Das gilt ja auch für uns.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Juris, unsere Lösung für Organe der Rechtspflege, wird von der Winterthurer Abraxas Juris AG hergestellt und vertrieben. Deswegen wurde sie zuerst schwerpunktmässig in der Ostschweiz eingesetzt, bevor sie sich in der ganzen Schweiz verbreitet hat.

Goutieren die Kunden die neue Struktur?

Das bisherige Feedback war positiv. Auf die Gefahr hin, dass das jetzt nach Marketing klingt – ich finde unseren neuen Slogan «Für die digitale Schweiz, mit Sicherheit» trifft den Punkt. Wir bieten unseren Kunden Sicherheit in jeder Dimension: Sei es Investitionssicherheit aufgrund unserer Grösse und der breiten Kundenbasis, sei es Informationssicherheit mit unseren Rechenzentren in der Schweiz oder auch Sicherheit hinsichtlich der vorhandenen Kompetenzen. Ich empfinde es als positiv, wenn es einen nationalen Dienstleister wie die Abraxas gibt. Denn als Steuerzahler und Bürger will ich nicht, dass sämtliche Aspekte meiner Behördeninteraktionen an ausländische Unternehmen gegeben werden. Es ist gut, wenn es eine kompetente lokale Firma gibt, die das benötigte Know-how hat – wobei ich hier viel Wert auf das Wort kompetent lege. Denn wir müssen unsere Arbeit gut machen, sonst können wir nicht am Markt bestehen. Die Aufträge werden öffentlich ausgeschrieben. Wir müssen sie also in öffentlichen Verfahren gewinnen und stehen auch bei der Umsetzung in der Öffentlichkeit.

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