Stein am Rhein, Schweiz – Quantencomputing galt lange als Zukunftstechnologie mit ungewissem Zeithorizont. Inzwischen werden die Entwicklungsziele konkreter. Technologieunternehmen veröffentlichen ambitionierte Zeitpläne, neue Forschungsarbeiten präzisieren mögliche Angriffsszenarien und erste Anbieter beschleunigen ihre Umstellung auf post-quantenfähige Sicherheitsverfahren.
Das bedeutet nicht, dass ein kryptografisch relevanter Quantencomputer unmittelbar bevorsteht. Unternehmen sollten die Vorbereitung darauf dennoch nicht länger aufschieben.
Warum 2029 an Bedeutung gewinnt
IBM kündigte im Juni 2025 an, mit «IBM Quantum Starling» bis 2029 einen grossskaligen, fehlertoleranten Quantencomputer bereitstellen zu wollen.
Google Quantum AI veröffentlichte im März 2026 neue Berechnungen, wonach zukünftige Angriffe auf bestimmte elliptische Kurven mit weniger Quantenressourcen möglich sein könnten als bisher angenommen. Solche Verfahren werden heute unter anderem für digitale Signaturen und andere Public-Key-Anwendungen eingesetzt.
Auch Cloudflare nennt 2029 als Ziel für eine umfassende post-quantenfähige Absicherung des eigenen Produktportfolios. Dazu zählen neben der Verschlüsselung auch Authentifizierungsmechanismen, Zertifikate und digitale Signaturen.
Diese Ankündigungen definieren keinen bestätigten «Q-Day». Sie zeigen jedoch, dass grosse Technologieanbieter bereits mit konkreten Planungszeiträumen arbeiten. Für Unternehmen mit langfristig genutzten Systemen und sensiblen Daten wird das Thema damit strategisch relevant.
Was Quantencomputer tatsächlich bedrohen
Quantencomputer bedrohen nicht in erster Linie das Passwort selbst. Besonders betroffen sind klassische Public-Key-Verfahren wie RSA und die Kryptografie auf Basis elliptischer Kurven.
Diese kommen heute unter anderem zum Einsatz bei:
- Schlüsselaustausch
- digitalen Signaturen
- Zertifikaten
- verschlüsselten Verbindungen
- Geräte- und Serverauthentifizierung
- Software-Signaturen
Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte die mathematischen Grundlagen dieser Verfahren wesentlich schneller angreifen als klassische Systeme.
Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology, kurz NIST, hat deshalb bereits 2024 erste Standards für Post-Quantum-Kryptografie veröffentlicht. Organisationen sollen potenziell gefährdete Algorithmen erfassen und die Migration frühzeitig vorbereiten.
Symmetrische Verschlüsselung und kryptografische Hashfunktionen sind ebenfalls betroffen, jedoch weniger unmittelbar. Auch Passwort-Hashes werden nicht einfach entschlüsselt. Angreifer versuchen vielmehr, Passwörter zu erraten und die erzeugten Hashwerte mit gespeicherten Werten zu vergleichen.
Sichere Passwortspeicherung benötigt deshalb weiterhin geeignete Hashing-Verfahren, individuelle Salts und ausreichend rechenintensive Parameter.
Risiken entstehen teilweise bereits heute
Ein bekanntes Angriffsszenario ist «Harvest now, decrypt later». Dabei zeichnen Angreifer heute verschlüsselte Daten oder Kommunikation auf, um sie später mit leistungsfähigeren technischen Mitteln entschlüsseln zu können.
Besonders relevant ist dies für Informationen, die über viele Jahre vertraulich bleiben müssen:
- Geschäftsgeheimnisse
- Forschungs- und Entwicklungsdaten
- medizinische und personenbezogene Informationen
- vertrauliche Kommunikation
- Daten aus kritischen Infrastrukturen
Unternehmen sollten daher nicht nur fragen, wann ein kryptografisch relevanter Quantencomputer verfügbar sein könnte. Ebenso wichtig ist, wie lange die eigenen Daten geschützt bleiben müssen und wie viel Zeit eine technische Migration benötigt.
Wer erst mit der Umstellung beginnt, wenn ein Angriff praktisch möglich wird, beginnt möglicherweise zu spät.
Was das mit Passwortmanagement zu tun hat
Moderne Passwortmanager sind Teil einer umfassenderen Sicherheitsarchitektur. Je nach Funktionsumfang nutzen sie Kryptografie unter anderem für:
- die Verschlüsselung gespeicherter Zugangsdaten
- die Kommunikation zwischen Geräten und Servern
- sichere Freigabeprozesse
- Geräteauthentifizierung
- Backup- und Wiederherstellungsverfahren
- die Synchronisation zwischen Systemen
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Passwörter kurzfristig verschwinden. Wichtig ist, ob eine Lösung ihre kryptografischen Komponenten bei Bedarf aktualisieren oder ersetzen kann.
Diese Fähigkeit wird als kryptografische Agilität oder Crypto Agility bezeichnet. Sie betrifft nicht nur Algorithmen, sondern auch Schlüsselverwaltung, Zertifikate, Protokolle, Schnittstellen und organisatorische Prozesse.
Unternehmen sollten bei neuen Lösungen prüfen, ob die eingesetzten Verfahren nachvollziehbar dokumentiert sind und ob der Anbieter auf zukünftige Änderungen reagieren kann.
Passwortmanager werden zur Steuerungsinstanz
Passwortmanager wurden lange primär als sichere Ablage verstanden. Im Unternehmensumfeld übernehmen sie zunehmend weitere Aufgaben:
- zentrale Verwaltung geschäftlicher Zugänge
- Rollen- und Berechtigungskonzepte
- kontrollierte Freigaben
- nachvollziehbare Änderungen und Zugriffe
- Unterstützung von Multi-Faktor-Authentifizierung
- Einbindung passwortloser Verfahren
- geregelte Prozesse beim Ein- und Austritt von Mitarbeitenden
Damit ersetzen Passwortmanager kein vollständiges Identity-and-Access-Management-System. Sie werden jedoch zu einem wichtigen Bestandteil der Zugriffs- und Sicherheitsarchitektur.
Unternehmen werden voraussichtlich noch längere Zeit mehrere Verfahren parallel verwalten müssen: Passwörter, Multi-Faktor-Authentifizierung, Passkeys, Hardware-Sicherheitsschlüssel und neue kryptografische Standards.
Passkeys sind sicherer, aber nicht automatisch quantensicher
Passkeys sowie Standards wie FIDO2 und WebAuthn verbessern die Sicherheit von Anmeldeverfahren bereits heute deutlich.
Statt eines gemeinsamen Passworts wird ein kryptografisches Schlüsselpaar verwendet. Der private Schlüssel verbleibt beim Nutzer, während beim Dienst nur der öffentliche Schlüssel hinterlegt wird.
Dadurch schützen Passkeys insbesondere vor:
- Phishing
- Credential Stuffing
- wiederverwendeten Passwörtern
- der Eingabe von Zugangsdaten auf gefälschten Websites
Passkeys sind jedoch nicht automatisch post-quantenfähig. Viele heutige Implementierungen verwenden klassische Public-Key-Algorithmen. Diese müssen künftig durch post-quantenfähige oder hybride Verfahren ergänzt beziehungsweise ersetzt werden können.
Passkeys sind somit kein fertiger Schutz vor Quantencomputern. Sie bilden aber bereits heute eine wichtige Grundlage für phishing-resistente Authentifizierung.
Klassische Passwörter bleiben relevant
Passwörter werden in vielen Unternehmen noch über Jahre hinweg benötigt. Zahlreiche ältere Systeme, externe Plattformen und technische Konten unterstützen keine vollständig passwortlosen Verfahren.
Aktuelle Empfehlungen gewichten Passwortlänge, Einzigartigkeit und den Ausschluss kompromittierter Passwörter stärker als starre Komplexitätsregeln.
NIST sieht für Passwörter, die als alleiniger Faktor verwendet werden, mindestens 15 Zeichen vor. Ist das Passwort Teil eines Mehrfaktorverfahrens, gelten mindestens acht Zeichen. Gleichzeitig rät NIST von starren Vorgaben zur Kombination aus Grossbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen ab.
Für Unternehmen bleibt deshalb entscheidend:
- lange und einzigartige Passwörter verwenden
- Passwortwiederverwendung vermeiden
- kompromittierte Passwörter blockieren
- sichere Passwortmanager bereitstellen
- privilegierte Zugänge zusätzlich absichern
- phishing-resistente MFA bevorzugen
- Passkeys gezielt einführen
Die Vorbereitung auf Quantenrisiken ersetzt diese Grundmassnahmen nicht. Sie ergänzt sie.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen müssen ihre Kryptografie nicht kurzfristig vollständig austauschen. Sie sollten jedoch die Grundlagen für eine spätere Migration schaffen.
Dazu gehören:
Kryptografische Abhängigkeiten erfassen
Wo werden RSA, elliptische Kurven, Zertifikate, Signaturen und Schlüssel eingesetzt?
Schutzdauer sensibler Daten bestimmen
Welche Informationen müssen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch vertraulich sein?
Kritische Zugänge priorisieren
Im Fokus sollten Administrationszugänge, privilegierte Konten, Remote-Zugriffe und geschäftskritische Anwendungen stehen.
Phishing-resistente Verfahren ausbauen
Passkeys und Hardware-Sicherheitsschlüssel reduzieren bereits heute konkrete Risiken.
Kryptografische Agilität einfordern
Anbieter sollten darlegen können, wie Algorithmen, Zertifikate und Protokolle aktualisiert werden können.
Die Perspektive der ALPEIN Software SWISS AG
Für die ALPEIN Software SWISS AG zeigt die aktuelle Entwicklung, dass Passwortmanagement langfristig im Zusammenhang mit Authentifizierung, Zugriffssteuerung und kryptografischer Weiterentwicklung betrachtet werden muss.
Der Passwortmanager PassSecurium™ steht im Zentrum der Aktivitäten des Schweizer Sicherheitsspezialisten. Themen wie Passkeys, phishing-resistente Authentifizierung, kryptografische Agilität und Post-Quantum-Kryptografie gewinnen für die zukünftige Entwicklung von Authentifizierungs- und Sicherheitslösungen zunehmend an Bedeutung.
Damit ist keine konkrete neue Produktfunktion oder verbindliche Post-Quantum-Roadmap angekündigt. Im Mittelpunkt steht zunächst die fachliche Einordnung technologischer Entwicklungen und möglicher zukünftiger Anforderungen.
Fazit
Niemand kann heute zuverlässig vorhersagen, wann ein Quantencomputer verbreitete kryptografische Verfahren praktisch angreifen kann.
Unternehmen müssen diese Frage jedoch nicht abschliessend beantworten, um sinnvoll zu handeln. Entscheidend ist, Sicherheitsarchitekturen so aufzubauen, dass Verfahren überprüft, aktualisiert und kontrolliert migriert werden können.
Passwortmanagement verschwindet dabei nicht. Seine Rolle wird umfassender. Neben Passwörtern gewinnen Berechtigungen, Passkeys, Geräte, Freigaben und flexible Authentifizierungsverfahren an Bedeutung.
Die Vorbereitung auf das Quantenzeitalter beginnt deshalb nicht mit der Prognose eines «Q-Day», sondern mit einer einfachen Frage: Ist die heutige Sicherheitsarchitektur veränderungsfähig genug für die Anforderungen von morgen?