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Bitcoin ist tot – es lebe Bitcoin!

lundi 15.08.2016 Thomas Brenzikofer
Thomas Brenzikofer

Thomas Brenzikofer ist stellvertretender Geschäftsführer von i-net innovation networks und Member of the Board bei swiss made software.

Bitcoin ist nur ein Experiment, aber ein vielversprechendes: Es zeigt, dass Kryptowährungen funktionieren und dass sie weit mehr drauf haben könnten als das heutige elektronische Geld.

Meher Roy Chowdhury Meher Roy Chowdhury

Meher Roy Chowdhury ist passionierter Spezialist für Kryptowährungen und arbeitet hauptberuflich in der IT von GSK.
 

Thomas Brenzikofer Thomas Brenzikofer

Thomas Brenzikofer ist stellvertretender Geschäftsführer von i-net innovation networks und Member of the Board bei swiss made software.

«Als akademische Institution leidet das Internet unter dem Fehlen zweier wesentlicher Funktionen: Einerseits kann man im Internet niemanden eindeutig identifizieren, andererseits verfügt es über kein integriertes Abrechnungssystem», sagte Robert Cailliau 2010 in einem Interview mit der Netzwoche.

Cailliau war am Cern Chef von Tim Berners Lee, dem HTML-Erfinder, und trug wesentlich dazu bei, dass das Web seinerzeit als neutrale und offene Plattform zur Welteroberung ansetzen konnte - und nicht als proprietäre. Ein Vierteljahrhundert später ist es mit Cailliaus Wunsch möglicherweise soweit. Mit der Lancierung der Kryptowährung Bitcoin trat eine neue Technologie auf den Plan: die Blockchain.

Grundsätzlich macht die Blockchain nichts anderes, als sämtliche Transaktionen innerhalb eines Rechennetzes öffentlich in einem Register zu verzeichnen und damit zu verifizieren. Da alle Knotenpunkte dieses Verzeichnisses dauernd zeitgleich aktualisieren müssen, ist es fast ausgeschlossen, dass die Blockchain modifiziert und manipuliert werden kann.

Energieverbrauch einer Millionenstadt

Die Technologie hinter Bitcoin besticht vor allem dadurch, dass sie keine zentrale Instanz zur Steuerung braucht. Im Fall von Bitcoin beschreibt eine Software, in welcher Frequenz wie viele Bitcoins ausgegeben werden. Und zwar geschieht dies durch das sogenannte Mining. Das «Schürfen» von Bitcoin steht jedermann offen, der bereit ist, einen Bitcoin-Core zu betreiben und damit Rechenpower für das Verifizieren und Speichern von Transaktionen im öffentlichen Verzeichnis zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug erhält der Bitcoin-Core-Betreiber eine Gebühr sowie neu geprägte Bitcoins. 

So elegant das System auch ist, es hat einen Nachteil. Bei jeder Transaktion muss immer die gesamte Blockchain (im Fall von Bitcoin derzeit über 50 GB) prozessiert werden. Dies kostet Zeit und Rechenleistung. Zudem wurden Bitcoins auf eine Geldmenge von maximal 21 Millionen Währungseinheiten beschränkt. Darüber hinaus können diese nur in einem ganz bestimmten Tempo ausgegeben werden können. 2048 ist dann Schluss.

Bitcoin als globale Transaktionswährung zu skalieren ist aber vor allem auch aus einem weiteren Grund problematisch: So sieht des Design von Bitcoin aktuell nicht mehr als sieben Transaktionen pro Sekunde vor. Zum Vergleich: VISA schafft allein in den USA 1736 in der Sekunde. Noch schwerer wiegt der Energieverbrauch, der aufzubringen ist, um Bitcoins zu «prägen», neudeutsch «minen». So dürfte das gesamte Bitcoin-System heute bereits den Energieverbrauch einer Millionenstadt toppen. Kaum vorzustellen also, dass Bitcoin jemals Mainstream wird.

Proof of Concept erbracht

Nicht so das Prinzip, das hinter der Kryptowährung steht. Für Enthusiasten ist denn auch klar: Bitcoin hat den Proof of Concept erbracht und damit das Tor zur neuen Wirtschaftsära der Kryptowährungen aufgestossen. Allerding wird man Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto dafür nie den Nobelpreis überreichen können: Denn der hat es bislang vorgezogen, anonym zu bleiben.

Dem Rampenlicht nicht scheu geblieben ist dagegen Vitalik Buterin. Der 21-jährige gebürtige Russe ist in Kanada aufgewachsen und hat zusammen mit Jeffrey Wilcke und Gavin Wood die Initiative Ethereum gestartet. Die «Decentralized Autonomous Organisation» – kurz DAO – hat sich in der Schweiz, genaugenommen in Baar, in der Rechtsform einer Stiftung niedergelassen.

Das DAO verfügt über 15 Millionen Dollar Startkapital. Aufgenommen über Crowdfunding versteht sich, selbstverständlich in Bitcoins. Wer mitfinanzierte, erhielt im Gegenzug Ethers. Die neue Währung wurde dann im vergangenen August lanciert, zeitgleich mit einer neuen Blockchain-Plattform.

Ethereum greift vor allem einen Aspekt der Blockchain heraus, der Kryptowährungen gegenüber herkömmlichem Geld wirklich drisuptiv macht: Die Programmierbarkeit. Ethereum schafft nicht einfach eine neue Währung, sondern eine völlig neue Form von Währung. Egal, ob mit Muscheln, Gold, Münzen oder Dollarnoten bezahlt wird, hinter dem Geld verbirgt sich immer die soziale Übereinkunft, dass das entsprechende Zahlungsmittel dem Wert entspricht, gegen das es eingetauscht werden kann. Dies wird in der modernen Welt durch eine zentrale Staatsmacht garantiert.

Elektronisches Geld ist diesbezüglich nichts anderes. Letztlich handelt es sich um Datenbankeinträge im IT-System einer Bank, die selbst wiederum als Einlagen im System der Nationalbank verzeichnet sind. Mit dem Schritt zur Kryptowährung geschieht nun ein entscheidender Schritt: Die Schuldverzeichnisse sind öffentlich und werden statt von einer Zentralbank von einem Netzwerk von Computern repliziert und damit garantiert.

Alle Macht den Algorithmen

Ethereum erlaubt es nun, die Art des Schuldenkontraktes beliebig intelligent zu gestalten und direkt in die Blockchain zu programmieren. Das heisst, durch Plattformen wie Ethereum können jegliche Arten von Transaktion direkt von Person zu Person ausgeführt werden, ohne Vermittlerinstanz. Statt also eine Betrag an Airbnb, Uber oder Amazon eben an eine Plattform zu übermitteln, die diesen dann an den Verkäufer weiterreicht, sobald die Dienstleistung erfolgt ist, geschieht dies direkt - und zwar eben nach festgefügten Regeln.

Nichts anderes haben Banken, Versicherungen oder eben Onlineplattformen bisher ja gemacht: Das Vertrauen zwischen Anbieter und Konsumenten hergestellt. Indem Ethereum diese Prozesse nun durch Algorithmen sicherstellt, ist grundsätzlich jegliche Art von Transaktionen möglich. Angeboten werden sie als «Apps», bezahlt wird in Ethers, die vom Emittenten geschöpft werden, sobald eine Transaktion in Anspruch genommen worden ist.

Das Anwendungsfeld ist schlicht unbeschränkt. Neben komplexen Finanzprodukten rücken vor allem auch Micropayment-Lösungen ins Blickfeld. Dies könnte auch dem Internet of Things eine neue Dimension verleihen, indem durch den Austausch von Daten gegen Geld vollkommen neue Einkommensströme möglich werden. Denkbar ist es aber auch, Firmengründungen, Versicherungen und ganz neuartige Sharing-Plattformen über Ethereum abzuwickeln, hundertprozentig ohne zentrale Vermittlerinstanz.

Damit dürfte sich dann auch das Internet nochmals grundlegend verändern. Plattformen wie Amazon, Facebook oder auch Youtube werden dezentralen Peer-to-Peer-Anwendungen weichen. Dies eröffnet auch dem Softwarewerkplatz Schweiz neue Perspektiven. So bietet die Blockchain-Technologie manchem spezialisierten Dienstleister auf dem Schweizer Finanzplatz die Chance, sich neu zu erfinden. Zudem haben vor allem eine liberale Gesetzgebung – aber auch das vertrauenswürdige Image von «Swiss made» – dazu geführt, dass sich neben Ethereum bereits mehrere vielversprechende Projekte rund um Kryptowährungen und Blockchain hierzulande angesiedelt haben. 

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